Kultur11 Min. Lesezeit

Eine kurze Geschichte des Co-Sleeping: Warum der Westen vergaß, wie man zusammen schläft

Von den evolutionären Wurzeln bis zur industriellen Revolution – wie das Co-Sleeping von der Norm zur Ausnahme wurde

EL

Dr. Emma Lindqvist

2026-03-05 · 2026-03-19

Ein historisches Gemälde, das eine Familie darstellt, die im 18. Jahrhundert ein Bett teilt

Einführung: Die universelle Norm

In den meisten Teilen der Welt ist die Frage "Wo schläft Ihr Baby?" absurd. Natürlich schläft das Baby bei seiner Mutter. Anthropologen stellen fest, dass in vielen Kulturen in Asien, Afrika und Lateinamerika das Co-Sleeping so universell ist, dass es kein eigenes Wort dafür gibt – es ist einfach die Art und Weise, wie Menschen schlafen.

Doch in den westlichen Industrienationen ist Co-Sleeping ein kontroverses Thema, das oft mit Warnungen von Kinderärzten und gesellschaftlicher Missbilligung verbunden ist. Wie sind wir zu diesem Punkt gekommen? Die Antwort liegt nicht in der Biologie, sondern in der Geschichte.

Unsere evolutionären Wurzeln: Die Notwendigkeit der Nähe

Als Primaten sind Menschen für ständigen Kontakt in der frühen Kindheit konzipiert. Unsere Vorfahren schliefen in Gruppen, um Wärme, Schutz und soziale Bindung zu gewährleisten. Ein allein gelassener Säugling war ein Säugling, der Raubtieren ausgesetzt war. Diese tief verwurzelte Notwendigkeit der Nähe verschwindet nicht, nur weil wir jetzt Zentralheizung und verschlossene Türen haben.

Die Forschung von Dr. James McKenna zeigt, dass die Physiologie von Säuglingen auf die Anwesenheit einer Bezugsperson reagiert. Herzfrequenz, Atmung und sogar Stresshormonspiegel werden durch den Kontakt mit der Mutter reguliert. Aus evolutionärer Sicht ist das Schlafen allein die Ausnahme, nicht die Regel.

Die große Trennung: Industrialisierung und Individualismus

Die Abkehr vom Co-Sleeping im Westen lässt sich bis zu einigen wichtigen Verschiebungen zurückverfolgen, die im 18. und 19. Jahrhundert begannen:

1. Urbanisierung und kleinere Häuser: Als die Menschen in die Städte zogen, wurden die Wohnräume kleiner. Familien, die zuvor in einem einzigen Raum geschlafen hatten, begannen, separate Schlafzimmer zu haben, sobald sie es sich leisten konnten.

2. Aufstieg der medizinischen Autorität: Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert begannen Ärzte, Ratschläge zu allen Aspekten des Lebens, einschließlich der Kindererziehung, zu geben. Beeinflusst von Theorien über die Übertragung von Krankheiten und der Notwendigkeit von "frischer Luft", rieten sie von der "unhygienischen" Praxis des Bettteilens ab.

3. Psychologische Theorien: Das 20. Jahrhundert brachte den Behaviorismus und die Freud'sche Psychologie hervor. Behavioristen wie John Watson plädierten für eine strenge Zeitplanung und die Vermeidung von zu viel Zuneigung, um unabhängige, nicht "verwöhnte" Kinder zu schaffen. Freud'sche Ideen über die sexuelle Entwicklung von Kindern führten zu unbegründeten Ängsten vor einer unangemessenen Intimität beim Co-Sleeping.

4. Kommerzialisierung der Kindheit: Die aufkommende Säuglingspflegeindustrie vermarktete Krippen, Kinderwagen und separate Kinderzimmer als Statussymbole und wesentliche Bestandteile einer "modernen" Kindheit.

Professor Helen Ball, Durham University:

"Ein Großteil der frühen SIDS-Forschung wurde in Kulturen durchgeführt, in denen Co-Sleeping selten war. Daher wurde Co-Sleeping, wenn ein Todesfall in einem Bett mit einem Erwachsenen auftrat, als Risikofaktor identifiziert, ohne die Umstände vollständig zu untersuchen. In Kulturen, in denen Co-Sleeping die Norm ist und sicher praktiziert wird, sind die SIDS-Raten oft extrem niedrig. Dies zeigt, wie kulturelle Voreingenommenheit die wissenschaftlichen Empfehlungen beeinflussen kann."

Die Rückkehr zum Co-Sleeping: Eine moderne Gegenbewegung

In den letzten Jahrzehnten hat eine Gegenbewegung an Fahrt gewonnen, die von mehreren Faktoren angetrieben wird:

  • Der Aufstieg des Attachment Parenting: Philosophien, die die Bedeutung von Bindung und Reaktionsfähigkeit betonen, haben das Co-Sleeping als einen Weg zur Förderung einer sicheren Bindung wiederbelebt.
  • Fokus auf das Stillen: Da Organisationen wie die WHO das Stillen fördern, erkennen immer mehr Mütter, dass Co-Sleeping eine der effektivsten Möglichkeiten ist, eine erfolgreiche Stillbeziehung aufrechtzuerhalten.
  • Neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Die Arbeit von Forschern wie McKenna und Ball hat die biologischen Vorteile des Co-Sleeping wissenschaftlich validiert und gezeigt, dass die Risiken hauptsächlich mit unsicheren Praktiken zusammenhängen.
  • Globale Konnektivität: Eltern können heute sehen, wie Familien auf der ganzen Welt schlafen, und erkennen, dass das isolierte Schlafen von Säuglingen ein kulturelles Konstrukt und keine biologische Notwendigkeit ist.

Fazit: Die Geschichte wiederentdecken

Die westliche Abneigung gegen das Co-Sleeping ist eine historische Anomalie, keine universelle Wahrheit. Sie entstand aus einer einzigartigen Mischung aus sozialen, wirtschaftlichen und ideologischen Veränderungen. Indem wir diese Geschichte verstehen, können wir die aktuellen Debatten in einen Kontext stellen.

Die Entscheidung, ob man Co-Sleeping praktiziert, bleibt persönlich. Aber sie sollte auf biologischen Realitäten und Sicherheitsüberlegungen beruhen, nicht auf veralteten kulturellen Vorurteilen. Die Geschichte lehrt uns, dass das Schlafen mit unseren Kindern keine neue Modeerscheinung ist, sondern eine Rückkehr zu einer tief verwurzelten menschlichen Praxis.

Referenzen und Quellen

  1. [1]McKenna, J.J. (2012). Sleeping with Your Baby: A Parent’s Guide to Co-Sleeping. Platypus Media.
  2. [2]Ball, H.L. (2018). The cultural history of co-sleeping. Durham University.
  3. [3]Hrdy, S.B. (2009). Mothers and Others: The Evolutionary Origins of Mutual Understanding. Harvard University Press.

Offenlegung

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EL

Dr. Emma Lindqvist

Redakteurin für Schlafwissenschaft — Ph.D. Entwicklungspsychologie, Universität Uppsala

Dr. Emma Lindqvist ist Schlafforscherin und Elternjournalistin aus Stockholm. Mit über einem Jahrzehnt Forschung zu Schlafgewohnheiten von Säuglingen und zum Wohlbefinden von Familien an der Universität Uppsala bringt sie eine einzigartig skandinavische Perspektive in die globale Diskussion über den Schlaf von Familien ein. Ihre Arbeit wurde in The Lancet Child & Adolescent Health, Pediatrics und dem Journal of Sleep Research veröffentlicht.

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